Fortsetzung: Die Sechziger. Die Siebziger. Und ich

Glücklicherweise gehören meine Eltern zu den treuen Lesern dieses Blogs, so dass ich mir heute noch ein wenig Input holen konnte bzw. ich muss einige Dinge richtigstellen:

Auto: Unser erstes Auto haben wir nicht erst Ende der 60iger Jahre bekommen, sondern es gab schon ein Auto als ich im Jahr 1964 das Licht der Welt erblickte. Im März 1963 hat mein Vater den Führerschein erfolgreich bestanden (kurz danach wurde meine Schwester geboren) und unser erstes Auto war ein Lloyd Alexander mit unschlagbaren 19 PS. Wenn ich mir heute das Bild so anschaue (das ein Beispielbild ist, „unser“ sah etwas anders aus), gefallen mir die alten Autos immer besser.

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Lloyd-Alexander.jpg&filetimestamp=20091102213436

Wie mir mein Vater erzählte, war dieser auch relativ leicht zu reparieren. Wenn er mal nicht anspringen wollte, dann hat mein Opa einfach die Zündkerze entfernt, mit Feuerzeugbenzin „gereinigt“, wieder eingesetzt und schon lief der Gute wieder. Im Jahr 1965 haben wir uns dann „vergrößert“; denn es kam die Lloyd Arabella zu uns (auch wieder ein Beispielbild):

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Arabella_01.jpg&filetimestamp=20080328204717

Den hätte ich gern heute! Danach kam ein Opel Rekord mit Vinyldach und dann erst der von mir im vorigen Bericht erwähnte Kadett!

Telefon: Ja, wir hatten sogar schon Mitte der Sechziger einen Telefonanschluss. Allerdings hatten wir diesen nicht allein, sondern haben ihn uns mit unseren Nachbarn ein Stockwerk unter uns geteilt! Ich erinnere mich noch daran, dass ich manchmal nach unten gelaufen bin, um den Nachbarn Bescheid zu geben, dass wir jetzt mal telefonieren wollen … Unvorstellbar für die heutige Zeit, dass man nicht für sich allein über sein Telefon entscheiden konnte. Leider erinnern sich meine Eltern nicht mehr genau daran, wie lange dieser Zustand anhielt. Muss aber bis Ende der Sechziger gewesen sein, denn ich konnte mich ja schließlich schon artikulieren 🙂

Kinderlandverschickung: mein Vater war Postbeamter und über die Post gab es ein Erholungswerk, über das die Eltern ihre Kinder „verschicken“ konnten, um ihnen einen Urlaub zu ermöglichen (oder, um selbst mal Ruhe vor den Kindern zu haben?). Auf jeden Fall war diese „Verschickung“ im Jahre 1969 so prägend für mich (sie führte uns für 3 Wochen nach Cuxhaven-Duhnen), dass ich noch heute zwei Dinge total eklig finde: Milchreis und Muggefuck (Caro-Kaffee). Allein der Geruch von beiden hängt mir noch so in der Nase, da kann man mich sofort mit vertreiben.
Und genau diese Kinderlandverschickung im Jahr 1969 war auch die, von der ich mit heftigsten Windpocken nach Hause kam. Ich war über und über mit den Windpocken befallen (5 lächerliche Stück haben sich an meiner Schwester gütlich getan). Meine Eltern sind direkt von dort aus mit uns an die Ostsee gefahren und dort habe ich dann auf der Liege vor dem Zelt meine Windpocken kuriert. Hiervon hatte ich ja bereits berichtet.

An den X-Beinen links bin ich immer gut zu erkennen

Geburtstage: haben wir zu Hause als Fasching gefeiert. Ich habe Ende März Geburtstag und da hat es sich zeitlich angeboten, diesen als Fasching nachzufeiern. Meine ca. 6 Geburtstagsgäste kamen alle verkleidet und zu Hause wurde dann richtig schön gefeiert. Wenn das Wetter mitgespielt hat, dann eben draußen vor dem Haus, ansonsten in der Wohnung mit den klassischen Spielen wie Topfschlagen, Blinde Kuh etc. 

Ein Foto habe ich ausgraben können: Schneeweißchen (ich) und Rosenrot (meine Schwester) und mich dann auch noch einmal in groß.



Rummelpottlaufen: wir haben als Kinder noch die norddeutsche Tradition des Rummel-Rummel-Rauken (oder auch „Rummelpottlaufen“) mitgemacht. Allerdings wohl nur so ca. 1969 bis 1971. Denn auf jeden Fall sind wir beide alleine losgelaufen und ich glaube nicht, dass ich mit 3 oder 4 Jahren schon allein durch die Häuser gezogen bin, ich muss da wohl schon 5 gewesen sein.
Beim Rummelpottlaufen gehen die Kinder am frühen Silvesterabend geschminkt und verkleidet von Tür zu Tür, singen plattdeutsche Lieder und bekommen zur Belohnung Süßigkeiten oder Berliner (also Krapfen). Also quasi das Hamburger „Halloween“. Der Text zu dem Rummel-Rummel-Rauken lautet wie folgt:

Rummel, Rummel, Roken,

giv mi’n Appelkooken,

loot mi nich to lange stohn,

denn ik mutt noch wieder gohn.


Een Hus wieder 

wohnt de Snieder,

Een Hus achter

wohnt de Slachter,

Een Hus wiederan,

wohnt de Wiehnachtsmann. 


Rummel, Rummel, Rusch,

de Nigger sitt in’n Busch,

giv mi ’n lütjen Appelkooken

oder eene Wust. 

Is de Wust to kleen,

givst mi twee för een.



OMG – wenn ich den Text heute so lese, politisch korrekt ist er ja auch nicht. Ob er wohl auch schon „angepasst“ wurde? Wer sich für weitere norddeutsche Traditionen interessiert, der sollte die Seite der Erinnerungswerkstatt Norderstedt mal aufsuchen. 

Selbständigkeit: ein prägendes Element unserer Kindheit in den 60ern und 70ern war ja die, dass wir unsere Kindheit draußen verbracht haben und absolut selbständig von A nach B gekommen sind. Unsere Eltern waren noch nicht damit beschäftigt, den Fahrdienst für uns zu übernehmen. So habe ich im Alter von 7 Jahren angefangen, Handball zu spielen, was bedeutet hat, dass ich einmal in der Woche zum Training musste. Also bin ich aufs Fahrrad gestiegen und bin allein zur Trainingshalle gefahren. Und die lag nicht gerade bei uns um die Ecke! Meine Schwester hat zwar auch im gleichen Verein gespielt, aber weil sie ja ein Jahr älter ist, in einer anderen Mannschaft mit anderen Trainingszeiten.

Lieblingsessen: ich kann mich sehr gut an mein absolutes Highlight erinnern und das war – man mag es kaum glauben: Spinat mit Kartoffeln und einer Scheibe Mettwurst. Eigentlich gab es nämlich ein Spiegelei dazu. Aber da ich keine Eier (ich habe sie schon als Kind „abgetriebene Hühner“ genannt) mochte, war das die einzige Gelegenheit, eine Scheibe Wurst so pur zu essen, so ganz ohne Brot! Und dieser pure Geschmack einer leckeren Scheibe Katenrauch-Mettwurst … hmmmh, mir läuft heute noch das Wasser im Mund zusammen.

Sonntags war bei uns Nachtisch-Tag. Und da gab es zumeist ein Eis. Und zwar eine Scheibe „Königsrolle“. Meine Schwester und ich haben uns immer darauf gefreut, in den Keller laufen zu dürfen, weil dort der Gefrierschrank stand, um die Packung Eis raufzuholen. Wieder wegbringen mochte sie allerdings keine von uns. Hier sieht man uns wohl bei der entsprechenden Absprache, wer wann geht:

Ich bin die im weißen Kleid
Apropos Essen: in dem Ur-Posting steht ja was davon, dass man Regenwürmer zerteilt und gegessen hat. Nee, ich nicht, ich habe noch nie Tiere getötet oder zerstückelt. Was ich aber gemacht habe: ich habe probiert, wie Qualle schmeckt, die lagen ja nun zuhauf am Ostseestrand rum und als Mutprobe musste ich mal ein Stück Qualle essen. Schmeckt wabbelig, salzig, wässrig. So wie Spargel eben. Daher mag ich nämlich auch keinen Spargel. Irgendwie erinnert mich Spargel an Qualle.

Schlagerparade: erinnert Ihr Euch noch an Ilse Rehbein mit der Schlagerparade auf NDR2? Ich saß da immer mit meinem Kassettenrekorder vor dem Radio und habe Lied für Lied einzeln aufgenommen. Vorzugsweise damals meinen absoluten Liebling Chris Roberts! Boah, den fand ich so richtig toll. Und laut mitgesungen habe ich – wenn auch ein wenig schräg, aber was soll’s. 


Und hiermit beende ich dann auch meinen gedanklichen Ausflug in meine Kindheit und die damit verbundenen schönen Erinnerungen. Vielleicht habt Ihr diese beiden Berichte ja zum Anlass genommen, auch nochmal über Eure Kindheit nachzudenken? Und könnt ähnlich positiv zurückblicken? 

Besten Dank aber jetzt schon einmal an meine vielen Leser, mit denen ich über diesen Blog hinaus so angeregt auf Google+ und Facebook über unsere Erinnerungen plaudern konnte.


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8 Gedanken zu „Fortsetzung: Die Sechziger. Die Siebziger. Und ich

  1. meyrose

    Schöner Blogpost. Erinnert mich auch sehr an meine Kindheit ab 1971. Das mit der Scheibe Mettwurts als Beilage kenne ich zu Kartoffeln und Blumenkohl mit weißer Soße mit Petersilie. Das esse ich übrigens bis heute so. Am liebsten muse ich die Kartoffel in der Soße, belege dann die Wurstscheibe mit der Matsche und rolle sie auf wie einen Crepe. Zu SPinat kann ich mir das auch gut vorstellen.

    Keine Angst – das mache übrigens ich nicht mit Besuch am Tisch … mein Liebster muss da allerdings durch 🙂

    Antwort
  2. knightlyart

    Wir sind zu gleichen Zeit aufgewachsen und es gibt viele Parallelen! Ich bettelt immer um eine Scheibe Mettwurst mit ohne Brot! Original Zitat!
    Dein Blogbeitrag hat mich inspiriert, bestimmt gibt es etwas Ähnliches auf meinem Blog.
    Danke und Gruß von Kirsten

    Antwort
  3. der_tim

    Schöner Blogbeitrag 🙂

    Da ich nächste Woche Geburtstag habe und eine neue Dezimalzahl zukünftig mein Alter zieren wird, hatte ich darüber nachgedacht meine 30er mit einem Blogeintrag zu würdigen, aber das gefällt mir auch ganz gut.

    Obwohl in Hamburg geboren und aufgewachsen kenne ich das Rummel-Rummel-Rauken gar nicht und höre/lese zum ersten Mal davon. Ich bin aber auch Mitte der 70er geboren.

    Mein Vater ist auch ehemaliger Postbeamter (im Fernmeldewesen) von daher kenne ich die Kinderverschickung ebenfalls. Ich bin damals in Sankt-Peter-Ording gewesen und weiß zwar nicht mehr genau wie alt ich da war, erinnere mich aber daran, daß eigentlich alle älter waren und ich mich oft unwohl gefühlt habe. Vermutlich hatte ich starkes Heimweh und kam mit dem Alleinsein nicht zurecht. Ich erinnere mich auch nicht daran, das ich irgendeinen Anschluß zu den anderen Kindern gefunden habe.

    Ganz seltsam war dann die Heimkehr, denn mein Vater hatte sich in meiner Abwesenheit einen Vollbart wachsen lassen und ich ihn zu erst nicht wieder erkannt, als er mich ab Bahnhof abgeholt hat.

    Antwort
    1. kurzundknapp Autor

      Heimweh hatte ich damals auch – aber ich hatte ja zum Glück meine Schwester an meiner Seite. Aber toll fand ich diese Verschickung nicht (vielleicht auch nur im Nachhinein, ich erinnere mich nicht mehr an Details, nur noch an meine Abneigungen essenstechnischer Art, die waren prägend).

      Das Nicht-Wiedererkennen kann ich mir vorstellen. Bildlich, sogar.

      Vielen lieben Dank für Deine Worte.

      Antwort

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