Buchtipp: "Dachdecker wollte ich eh nicht werden"

Es gibt Menschen, die einem die Augen öffnen, ohne sie persönlich zu kennen. 

Bei mir ist dies zweifelsfrei Raúl Aguayo-Krauthausen. Sein Blogbeitrag „10 Dinge, die alle Eltern ihren Kindern über Behinderungen beibringen sollten“ hat mich persönlich stark berührt, so dass ich mich erst einmal tiefer in seinen Blog eingearbeitet habe und seitdem offeneren Auges durch den Alltag gehe. 

So habe ich beispielsweise erstmals bemerkt, dass in Planten un Blomen Hinweisschilder für Rollstuhlfahrer angebracht sind, um auf die Steigung bzw. das Gefälle hinzuweisen.

Als ich dann via Facebook mitbekommen habe, dass am 9. Januar sein Buch auch bei amazon als Kindle-Edition erscheint, habe ich auf diesen Tag hingefiebert, weil ich es unbedingt lesen wollte.

Dachdecker wollte ich eh nicht werden – das Leben aus der Rollstuhlperspektive


Raúl Aguayo-Krauthausen sagt selbst über sich, dass er sein Leben und die Formulierung „behinderter Mensch“ mag, weil eben genau diese Formulierung offen lässt, ob er behindert ist oder ob er behindert wird.

Dieses Buch habe ich verschlungen. Raúl Aguayo-Krauthausen schildert entwaffnend offen die Hindernisse, die sich einem im Rollstuhl sitzenden Menschen tagtäglich auftun, dies aber nicht in belehrendem Ton, sondern mit Humor und Tiefgang – so wie ich ihn auch aus seinen Tweets kenne. Seine Erinnerungen und Schilderungen aus seiner Kindheit haben mir das eine oder andere Mal Gänsehaut verursacht (Beispiel: Bundesjugendspiele).  

Wir Leser erfahren, welchen Einfluss DSDS auf sein erstes Projekt hatte als er sich damit beschäftigen musste, einen Nachfolger für seinen bisherigen Zivi zu finden und vor allem: aus welchen eigentlich banalen Situationen seine Projekte entstanden sind.

Aber: er geht auch auf extrem persönliche Themen wie der Wunsch nach dem ersten Kuss oder des Geliebt-Werdens ein und dem Wissen, dass es immer mal Situationen des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit geben wird: wenn ihm beispielsweise zum dritten Mal das Smartphone geklaut wird. Damit muss er leider leben. Er ist nun einmal mobil eingeschränkt und kann einem Dieb nicht hinterherlaufen. Also kann er es nur so hinnehmen. 

Er sagt in seinem Buch selbst über sich, dass eine Behinderung zu haben nur eine seiner vielen Eigenschaften ist und dass sein Leben selbstverständlich aufwendiger ist als das von nicht behinderten Menschen. Aber er hat gelernt, dass sein Leben nicht ausschließlich von seiner Einschränkung geprägt ist. Und das zeigt er mehr als deutlich. Schließlich wollte er doch unbedingt auch einmal Armdrücken machen. Mit dem Ergebnis, das sich jeder denken kann. 

Schon das fulminante Vorwort von Roger Willemsen macht Lust aufs Lesen und danach habe ich Zeile für Zeile verschlungen. 

Zur Person: 

Raúl Aguayo-Krauthausen wurde 1980 in Lima geboren und hat den Gendefekt „Osteogenesis imperfecta“, der auch als Glasknochen bezeichnet wird – dies allerdings als Krankheit zu bezeichnen, findet er selbst als sprachlich diskriminierend, weil eine Krankheit vielfach ansteckend und für die Pharmaindustrie lukrativ ist. Aber einen Gendefekt kann man nicht mit Medikamenten beseitigen und ansteckend ist dieser schon gar nicht.

Mit seinem Cousin Jan hat er die SOZIALHELDEN gegründet, unter deren Dach sie Projekte aufziehen, um sich sozial zu engagieren. „Einfach mal machen“ lautet das Motto und stimmt … es gehört nicht viel dazu, diese Projekte zu unterstützen:

Tausendundeine Rampe für Deutschland – ein Spendenprojekt für mobile Rampen, um Rollstuhlfahrern und Menschen mit Rollatoren den Zugang zu Einrichtungen zu eröffnen. 
Wheelmap – eine interaktive Karte zum suchen, finden und markieren rollstuhlgerechter Orte.
Pfandtastisch helfen – seinen Pfandbon an den Rückgabeautomaten spenden

Dies ist nur eine kleine Auswahl der vielzähligen Projekte der Sozialhelden. 


Dachdecker wollte ich eh nicht werden – ein absolut lesenswertes Buch, in dem natürlich auch geschildert wird, wie der Titel des Buchs entstanden ist. 




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5 Gedanken zu „Buchtipp: "Dachdecker wollte ich eh nicht werden"

  1. mehrblickblog

    Mit diesem Beitrag hast du mir jetzt noch mehr Lust darauf gemacht, Raúls Buch auch endlich zu lesen!
    Ich folge ihm auch schon lange in den sozialen Netzwerken und mag seinen Wortwitz sehr. Ich bin wirklich gespannt…

    Antwort
  2. kurzundknapp Autor

    Das meerblickblog hat auf meinem alten Blog, auf dem dieser Beitrag ursprünglich erschien, heute den folgenden Kommentar hinterlassen, den ich nicht vorenthalten möchte und daher stelle ich den Kommentar hier rein:

    „Inzwischen habe ich das Buch nun auch endlich lesen können und bin ebenso begeistert und beeindruckt wie du! Ein tiefgründiges und zugleich kurzweiliges, aber auch fesselndes Buch von einem Menschen mit Profil.
    Natürlich habe ich auch dazu gebloggt: http://wp.me/p3usyN-cK :)“

    Antwort

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