Ein Stück Tschechien in Hamburg

Heute war ich in Tschechien. Naja, nicht ganz. Aber eigentlich doch; denn ich befand mich auf tschechischem Gebiet mitten in Hamburg, mitten im Hafen.

Neulich las ich einen Artikel in der „Welt“, den ich kaum glauben mochte, steht da doch, dass ein Gebiet im Hamburger Hafen für 99 Jahre verpachtet wurde – Ende der Laufzeit ist im Jahr 2028 – wir haben also Stand jetzt noch 14 Jahre Zeit, uns die tschechische Enklave anzuschauen. Bevor ich jetzt genau schreibe wo das Gebiet liegt, hier zwei Hinweisschilder, die ich heute fotografieren konnte – mehr leider nicht, weil das restliche Gebiet abgesperrt war.

CSSR Schild Elbbschifffahrt Logistikschild

Der Hintergrund für diese Verpachtung bzw. für dieses tschechische Gebiet liegt in den Folgen des 1. Weltkriegs. Ein Teil des Abkommens des Versailler Vertrags waren ja einige Gebietsabtretungen Deutschlands – Westpreußen, Nordschlesien … alles bekannt. Aber da gibt es noch ein kleines, unscheinbares und (mir zumindest) bislang unbekanntes Gebiet im Hamburger Hafen, das ebenfalls abgetreten wurde:

Von dem im Jahr 1887 erbauten Moldauhafen wurde ein 30.000 qm großes Gelände eben aufgrund dieses Vertrages für 99 Jahre an die (damalige) Tschecheslowakei verpachtet, weil die Elbe für eben dieses Binnenland die einzige Verbindung zu den Weltmeeren darstellt, die schiffbar ist. Zwei Meereszugänge wurden so der damaligen Tschecheslowakischen Republik laut Versailler Vertrag zugesprochen: eben dieses Stück Hafen in Hamburg und ein Gebiet im Hafen Stettins.

Der Versailler Vertrag wurde zwar bereits im Jahr 1919 geschlossen, jedoch dauerten die Verhandlungen zwischen Hamburg und Prag noch gut 10 Jahre, so dass eben dieser Pachtvertrag im Jahr 1929 geschlossen wurde.

Das verpachtete Gebiet befindet sich an zwei benachbarten Hafenbecken am Saale- und am Moldauhafen, dazu noch eine kleine Halbinsel am Peutehafen – diese Gebiete sind nun also laut Vertrag noch bis zum Jahr 2029 der tschechischen Binnenschifffahrt vorbehalten.

Mich würde in diesem Zusammenhang ja mal interessierten, was passiert, wenn da ein anderes, nicht tschechisches Binnenschiff, entlangschippert. Heutzutage dürfte das ja kein Problem sein, aber damals, als es noch die ganzen Grenzen gab? Patroullierte dort tschecheslowakischer Zoll oder gar Polizei?

Ich schätze mal, dass damals bei den Verhandlungen der gesunde Pragmatismus und das Kaufmannsgen der Hamburger Verhandler gesiegt hat; denn durch diesen Pachtvertrag hat sich Tschechien (oder damals die Tschecheslowakei) auf den Hafen Hamburg festgelegt – mögliche lästige Konkurrenzhäfen wie Rotterdam, Antwerpen oder gar Triest wurden bedeutungslos. Und ganz nebenbei kassiert(e) Hamburg auch noch eine Pachtgebühr und der Hamburger Hafen ist eh groß genug, da kommt es auf dieses eine Stückchen Land auch nicht drauf an 🙂

Was es nicht alles gibt! Den Artikel in der „Welt“, durch den ich ja erst hierauf aufmerksam wurde findet man im Netz unter dem Titel „Der Moldauhafen – Ein Stück Tschechien in Hamburg“ vom 17. Februar 2014. Ihr wisst ja, aus #lsr Gründen verlinke ich nicht auf Presseerzeugnisse gewisser Verlagshäuser.

Die Markierung, die ich auf der unter dem nachfolgenden Link aufrufbaren openstreetmap Karte gesetzt habe, entspricht übrigens der Position, wo ich die obigen Fotos gemacht habe

Karte anzeigen

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3 Gedanken zu „Ein Stück Tschechien in Hamburg

  1. exillebenderhamburgerinnrw

    Da staune ich wieder. Es gibt immer noch was neues und interessantes zu endecken. Ich schaue immer wieder gerne vorbei und freue mich immer riesig, wenn es was zu erzählen gibt aus „meiner heimlichen Haptstadt “ Bei Deinen Beiträgen steckt die Liebe im Detail, ich sage Danke schön und wünsche Dir einen schönen Sonntag Abend. LG Thomas

    Antwort
  2. kurzundknapp Autor

    Thomas, du bist die Wucht! Vielen Dank für deine lieben und lobenden Worte. Ich hoffe, auch weiterhin berichtenswerte Dinge zu entdecken.
    Auch dir wünsche ich einen schönen Sonntag Abend und bis bald auf diesem oder anderen Kanälen. LG Sabine

    Antwort

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